Was ist Karate?

(von Marin Majica)

Das Karate hat einen weiten Weg hinter sich. Aufgemacht auf seinen DO (jap.: Weg) hat es sich angeblich im 6. Jahrhundert n. Chr. in Indien. Mit dem buddhistischen Mönch Bhodidharma gelangten Kenntnisse um die verletzlichen Punkte des Körpers, die in der damals bereits rund 1000 Jahre alten Akupunktur wichtigen Atemi- Punkte, nach China. In der Provinz Hunan gründete Bhodidharma das Kloster Shaolin-Szu, das in zweifacher Hinsicht eine große Bedeutung erhalten sollte: Zum einen sollte es zur Wiege des Zen-Buddhismus, zum anderen zu der diverser Kampfkünste werden. Der finanzielle Reichtum und der Ruhm, den das Kloster einigen Regisseuren aus Hong Kong einbrachte, soll hier außer Acht gelassen werden.

Zen und Budo (jap.: Weg des Kampfes) entstanden nicht zufällig zur gleichen Zeit. Bodhidharmas Variante des Buddhismus betonte den Gedanken der Askese und verlangte psychische und körperliche Strapazen ab. Um seine Schüler auf diese vorzubereiten, entwickelte Bodhidharma ein Trainings­system, das ganz unterschiedliche Elemente miteinander verband: die Atemübungen des Yoga, die Atemi-Punkte und die in China bereits bekannte Form des waffenlosen Kampfes.  Daraus entwickelte sich das Kung-Fu, das die Mönche aus Shaolin zu bekannten und gefürchteten Kämpfern machte und einen Mythos heraufbeschwor, der noch heute auf Budogalen gerne gepflegt wird.

Im Laufe seiner Verbreitung in China und über dessen südlichen Grenzen hinaus entwickelte sich das Kung-Fu oder Kempo in etliche Richtungen. In Okinawa vermischte es sich mit einer kaum systematisch trainierten Disziplin und gewann einen gänzlich anderen Charakter. Der religiöse Hintergrund trat zurück hinter dem Interesse der Bewohner Okinawas, sich ohne Waffen zur Wehr setzen zu können. Das Tragen derselben hatten ihnen die japanischen Besatzer untersagt. Das Zerschlagen von Holzbrettern, im Bewußtsein vieler budofremder Menschen Hauptbeschäftigung eines jeden Karateka (jap.: wörtlich "Karate-Person"), rührt wohl von den Rüstungen der japanischen Soldaten her, die aus Holzplatten bestanden. Hin und wieder gab es offensichtlich Anlaß und den Wunsch, diese Rüstungen zu zerschlagen; entsprechend wurden Bruchtests trainiert. Der buddhistische Aspekt schien dabei, ähnlich wie heute in Dojos (jap.: "Ort des Weges", Trainingshalle), die auf Konflikte mit weniger freundlichen Mitmenschen statt auf den Karatedo hin trainieren, eher hinderlich gewesen zu sein.

Der erste nachweisliche Karatetrainer auf Okinawa hieß Sakugawa (1733-1815) und unterrichtete die Kampfkunst "Tode", deren Schriftzeichen sich auch als "Karate" lesen lassen - beides bedeutet "Kunst aus China". Erst in diesem Jahrhundert gelangte Karate nach Japan, mit dem wir Europäer es so selbstverständlich verbinden wie mit Sushi und Samurai. Der 55jährige Lehrer Gichin Funakoshi (1867-1955) hatte bei einer Vorführung in Naha, der Hauptstadt Okinawas, die Aufmerksamkeit des japanischen Kronprinzen erregt. Funakoshi wurde 1917 nach Japan eingeladen, um bei einer großen Sportgala in Tokio seine Kunst vorzuführen. Er hatte einen solchen Erfolg, daß er fünf Jahre später erneut nach Japan kam und eine Schule eröffnete, die er nach seinem Künstlernamen "Shotokan" ("Shoto" bedeutet etwa "das Rauschen der Kiefernwipfel“, "Kan" bedeutet "Halle") nannte, was der Name des von ihm geprägten Stils wurde.

Schon in Okinawa war das Karate um die Jahrhundertwende von der geheim und zum Töten trainierten Kampfkunst zur allgemein zugänglichen Leibeserziehung weiterentwickelt worden. In diesem Zusammenhang wurden die Heian-Katas von Itosu Yasutsune (1832-1918) entwickelt, mit denen den Schülern die grundlegenden Techniken vermittelt werden sollten. Der spirituelle Aspekt wurde nach langer Zeit wieder aufgegriffen. Mit der Aufnahme des Karate in Japan, wo der Zen-Buddhismus im Gegensatz zu Okinawa relativ weit verbreitet praktiziert wurde, gewann das Karate schließlich wieder den intellektuellen Hintergrund, der seine Entstehung begleitete. Die Änderung des Schriftzeichens für "Kara" in 1936, bei der das Zeichen für "China" durch das gleich gelesene für "Leere" ersetzt wurde, betonte das japanische Wesen des neuen Karate auf zwei Ebenen: Zum einen ist der Zeichenwechsel ein Hinweis auf das psychologische Problem der Japaner, daß ihre gesamte Kultur mehr oder weniger aus China importiert wurde, zum anderen ist "Leere" ein zentraler Begriff des Zen, der beim Training des Karate wichtig ist. Funakoshi schreibt: "Wie die polierte Oberfläche eines Spiegels alles widerspiegelt, was davor steht und ein ruhiges Tal auch leise Töne widerhallt, so soll der Karateschüler sein Bewußtsein von Egoismus und Bosheit entleeren, damit er auf alles, was ihm begegnet, richtig reagieren kann." Das Ziel dieses Trainings des Bewußtseins ist Zanshin, die wachsame Aufmerksamkeit, die einen Karateka niemals unvorbereitet sein läßt.

Karate besteht aus drei Elementen, die alle gleich häufig trainiert werden sollten:

KIHON ist die Grundschule, in der dem Karateka die grundlegenden Schlag-, Tritt- und Blocktechniken, die verschiedenen Haltungsvarianten sowie Ausweichbewegungen beigebracht werden. Oftmals entsteht bei höheren Schülergraden der Eindruck, das Kihon-Training könne mit der Zeit mehr und mehr vernachlässigt werden, da nach vier Jahren jeder die Techniken kennt. Vielleicht kann Sensei Funakoshi hier ein Vorbild sein; auf seinem Sterbebett soll der 88jährige gesagt haben: "Ich glaube, ich habe oi-zuki verstanden."

KUMITE ist der Kampf mit dem Gegner, der im Training in mehr oder weniger freien Varianten vorkommt. Bei den Anfängern ist der Angriff wie die Abwehr bekannt, im Jiyu-Kumite kämpfen die Gegner vollkommen frei, bis einer eine Ippon-Technik plaziert, einen "finishing blow", bei der Stand, Kime und Kiai gleichermaßen perfekt ausgeführt sind. Fehlt eine dieser Komponenten, gibt es nur einen halben Punkt.

KATA ist die festgelegte Form, eine Reihe von Blöcken und Angriffstechniken, mit der Rhythmus und Atmung trainiert werden. Dabei ist nicht ausschließlich das detailgetreue Kopieren des technischen Ablaufes entscheidend, sondern die Kata als Gesamtform und die Einstellung des Karateka.

Als Vergleich: Ein Ausländer, der jedes deutsche Wort perfekt aussprechen kann, ist trotzdem noch nicht in der Lage, derart ein Gedicht aufzusagen, eine Rede zu halten oder einen Witz zu erzählen, daß die beabsichtigte Wirkung eintritt. Nötig ist das Verständnis des Ganzen : „Zanshin“.

Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts bestand Karate nahezu ausschließlich aus Kata, von denen es insgesamt rund 50 gibt. Ob nun Kumite oder Kata die höchste Stufe des Karate darstellt, wird immer wieder diskutiert und in verschiedenen Schulen unterschiedlich beurteilt: Die Menschen des Westens mit ihrer Leistungsgesellschaft sind beeindruckt von der Bezwingung eines Gegners im Kampf. Doch Funakoshi sagte seinen Schülern häufig: "Im Karate gibt es keinen Angriff." Deshalb beginne auch jede Kata mit einem Block. Da aber auch Kata westlich, also so schnell und so stark und so dynamisch wie möglich trainiert werden kann, muß jeder entscheiden, wie "japanisch" oder wie "deutsch" sein Karate sein soll.

Neben dem Shotokan gibt es heute vor allem drei weitere Stilrichtungen:

SHITO RYU wurde von Kenwa Mabuni (1893-1957) entwickelt, der bei den Meistern Itosu und Higaonna lernte. Die Stile seiner Lehrer Shorin-Ryu und Shorei-Ryu vereinigte Kenwa zu einem neuen Stil, der heute oft weniger wettkampforientiert ist und nicht selten andere Elemente wie Yoga und Waffenübungen mit Bo (Stab), Tonfa u.ä. enthält.

GOJU-RYU  (wörtl. "hart - weich") wurde von Chojun Miyagi (1888-1953) entwickelt, der bei Higaonna chinesisches Boxen studierte und den Einfluß des Ursprungslandes bewahrte und pflegte. Goju-Ryu ähnelt noch am ehesten dem Kung-Fu und lehrt eine besondere Atemtechnik zur Entwicklung von Stabilität und Kraft.

WADO-RYU  kam durch Hironori Ohtsuka (1892-1982) nach Japan, der bei Gichin Funakoshi, Kenwa Mabuni, Choki Motobu Karate und zudem das Shindo Yoshinryu Jiu-Jitsu trainiert hatte. Wado-Ryu enthält Shotokan-Elemente und verbindet diese mit Ausweichbewegungen des Jiu-Jitsu, die viele Techniken „körperfreundlicher" machen. Die Bewegungen sind kleiner, die Stellungen kürzer.

Seltener als die anderen Stile ist das KYOKUSHINKAI, das vom koreanisch gebürtigen Karatemeister Masutatsu Oyama (1923-1994) begründet wurde. Es handelt sich um eine Vollkontaktvariante des Karate, bei der sehr viel Wert auf Abhärtung von Füßen, Händen und Rumpfmuskulatur gelegt wird. Die Schüler absolvieren deshalb viel öfter als in anderen Karate-Stilen Bruchtests mit Holz, Ziegeln oder Eis und trainieren mit Schutz­polstern. Im Wettkampf sind Tritte zu Körper und Kopf erlaubt, Schläge nur zum Körper.

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